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Objektiv (Fotografie)

Aus WikiJournal
Wechselobjektive von Canon und Nikon
Sigma-Objektive für Kameras verschiedener Systeme

Ein Objektiv ist ein optisches Gerät, das ein Bild auf der lichtempfindlichen Fläche einer Fotokamera, Videokamera oder eines anderen Instruments erzeugt. In der Fotografie sammelt das Objektiv das Licht der Szene, fokussiert es auf Sensor oder Film und bestimmt in hohem Maß Bildwinkel, Perspektive, Schärfe, Lichtstärke und den Charakter der Hintergrundunschärfe.

Im weiteren Sinn werden Objektive nicht nur in Fotoapparaten verwendet, sondern auch in Videokameras, Mikroskopen, Teleskopen, Ferngläsern und anderen optischen Systemen. Dieser Artikel behandelt vor allem Fotoobjektive, also Objektive für digitale und analoge Kameras.

Zweck und Aufbau

Die Hauptaufgabe eines Objektivs besteht darin, auf dem Kamerasensor ein ausreichend scharfes und richtig belichtetes Bild zu erzeugen. Dafür wird im Objektiv eine Gruppe optischer Elemente verwendet; in einigen Fällen kommen auch Spiegel- oder Hybridkonstruktionen zum Einsatz. Ein modernes Fotoobjektiv umfasst in der Regel:

  • optische Elemente, die das Bild formen;
  • eine Blende, die die durchgelassene Lichtmenge reguliert;
  • einen Fokussiermechanismus;
  • ein Bajonett oder eine andere Befestigung an der Kamera;
  • elektronische Kontakte für den Datenaustausch mit der Kamera;
  • bei manchen Modellen Bildstabilisierung, Autofokusmotor, Einstellringe und Modusschalter.

Ein Objektiv beeinflusst nicht nur die technische Qualität eines Fotos, sondern auch dessen gestalterische Wirkung. Bei demselben Motiv können verschiedene Objektive unterschiedliche Perspektive, Schärfentiefe, Hintergrundunschärfe, geometrische Verzeichnung und Detailwiedergabe erzeugen.

Fest verbaute und wechselbare Objektive

Fotoobjektive lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen:

  • fest verbaute Objektive sind in die Kamera integriert und können vom Nutzer nicht gewechselt werden. Solche Objektive finden sich in Smartphones, Kompaktkameras, Actionkameras und einigen Videokameras;
  • Wechselobjektive werden über ein Bajonett an der Kamera befestigt und können je nach Aufgabe ausgetauscht werden. Sie werden bei Spiegelreflex- und spiegellosen Systemkameras verwendet.

Wechselobjektive geben dem Fotografen mehr Flexibilität: Derselbe Kamerabody kann mit einem Weitwinkelobjektiv für Landschaften, einem lichtstarken Porträtobjektiv, einem Makroobjektiv oder einem Teleobjektiv für entfernte Motive verwendet werden.

Hauptmerkmale

Brennweite

Die Brennweite ist eines der wichtigsten Merkmale eines Objektivs. Sie wird in Millimetern angegeben und bestimmt Abbildungsmaßstab und Bildwinkel. Je kürzer die Brennweite ist, desto größer ist der Bildwinkel; je länger sie ist, desto stärker scheint das Objektiv entfernte Motive heranzuholen.

Dabei muss die Größe des Kamerasensors berücksichtigt werden. Dasselbe Objektiv liefert an einer Vollformatkamera und an einer Kamera mit kleinerem Sensor einen unterschiedlichen Bildwinkel. Deshalb wird bei APS-C- und Micro-Four-Thirds-Kameras häufig mit der äquivalenten Brennweite gerechnet.

Ungefähre Einteilung für eine Vollformatkamera:

Objektivtyp Ungefähre Brennweite Hauptanwendung
Fischauge 8-15 mm extrem großer Bildwinkel, kreative Verzerrungen, Panoramen, Innenräume
Ultraweitwinkel 14-24 mm Landschaft, Architektur, Innenraumfotografie
Weitwinkel 24-35 mm Reisen, Straße, Reportage, Übersichten
Standardobjektiv 35-70 mm Alltagsfotografie, Porträts im Umfeld, Reportage
Kurzes Teleobjektiv 70-135 mm Porträts, Details, Aufnahmen aus mittlerer Entfernung
Teleobjektiv 135-300 mm Sport, Tiere, Bühne, entfernte Motive
Superteleobjektiv 300 mm und mehr Wildtiere, Luftfahrt, Sport aus großer Entfernung

Die Grenzen sind nicht absolut: Hersteller und Fotografen können leicht abweichende Einteilungen verwenden.

Bildwinkel

Der Bildwinkel beschreibt, welcher Teil des Raums ins Bild gelangt. Er hängt von der Brennweite und von der Sensorgröße ab. Ein 14-mm-Objektiv an einer Vollformatkamera bietet beispielsweise einen sehr großen Bildwinkel; Nikon gibt für eines seiner 14-mm-Objektive am FX-Format einen Bildwinkel von 114° an.[1]

Mit zunehmender Brennweite wird der Bildwinkel kleiner. Daher eignen sich Weitwinkelobjektive für enge Räume und Landschaften, während Teleobjektive für entfernte Motive und Porträts mit starker Hintergrundunschärfe verwendet werden.

Lichtstärke und Blende

Die Blende ist eine verstellbare Öffnung im Objektiv, durch die Licht zum Kamerasensor gelangt. Ihre Größe wird mit einer Blendenzahl angegeben, zum Beispiel f/1.8, f/2.8, f/5.6 oder f/11. Je kleiner die Zahl nach dem Buchstaben f ist, desto weiter ist die Blende geöffnet und desto mehr Licht gelangt in die Kamera.[2]

Die Lichtstärke ist die größtmögliche offene Blende eines Objektivs. Objektive mit f/1.4, f/1.8 oder f/2.8 gelten als lichtstark. Sie ermöglichen Aufnahmen bei wenig Licht und eine geringe Schärfentiefe, bei der das Motiv scharf und der Hintergrund stark unscharf erscheint.

Eine geschlossene Blende, etwa f/8 oder f/11, erhöht die Schärfentiefe: Mehr Objekte im Bild bleiben scharf. Das wird häufig in der Landschafts- und Produktfotografie genutzt.

Fokussierung und Naheinstellgrenze

Fokussierung ist die Einstellung des Objektivs auf Schärfe für ein ausgewähltes Motiv. Sie kann manuell oder automatisch erfolgen. Moderne Objektive besitzen oft eingebaute Autofokusmotoren, die sich in Geschwindigkeit, Genauigkeit und Geräuschentwicklung unterscheiden.

Die Naheinstellgrenze gibt an, wie nah sich ein Motiv an der Kamera befinden darf, damit das Objektiv noch scharfstellen kann. Bei normalen Objektiven kann dieser Abstand recht groß sein, während Makroobjektive für kleine Abstände konstruiert sind und die Aufnahme kleiner Gegenstände aus der Nähe ermöglichen.

Bildstabilisierung

Einige Objektive verfügen über eine optische Bildstabilisierung. Je nach Hersteller wird sie unterschiedlich bezeichnet, zum Beispiel IS bei Canon, VR bei Nikon, OSS bei Sony sowie OIS bei Fujifilm und Panasonic. Ein Stabilisator gleicht kleine Bewegungen der Kamera aus und hilft, aus der Hand schärfere Bilder zu erhalten, besonders bei längeren Belichtungszeiten und langen Brennweiten. Nikon beschreibt die VR-Technologie als Methode zur Verringerung von Unschärfe durch Kamerawackeln.[3]

Stabilisierung ersetzt bei schnell bewegten Motiven keine kurze Belichtungszeit: Sie hilft gegen Kamerawackeln, friert aber die Bewegung des Motivs selbst nicht ein.

Bajonett und Kompatibilität

Das Bajonett ist das mechanische und elektronische Verbindungssystem zwischen Objektiv und Kamera. Über das Bajonett wird das Objektiv am Gehäuse befestigt; zugleich kann die Kamera Blende, Autofokus und Stabilisierung steuern sowie technische Daten übertragen.[4]

Jedes Kamerasystem verwendet eigene Anschlüsse: Canon EF und RF, Nikon F und Z, Sony E, Fujifilm X, Micro Four Thirds und andere. Beim Kauf muss daher nicht nur die Marke, sondern auch das konkrete Bajonett geprüft werden. Canon weist zum Beispiel darauf hin, dass EF-Objektive an Kameras des EOS-R-Systems über einen EF-EOS-R-Adapter verwendet werden können.[5]

Adapter erlauben es, Objektive eines Systems an einer anderen Kamera zu verwenden, können aber Einschränkungen haben: Autofokus, Stabilisierung, Datenübertragung oder automatische Blendensteuerung funktionieren nicht immer.

Objektivtypen

Fischauge

Ein Fischauge ist ein Ultraweitwinkelobjektiv mit sehr großem Bildwinkel, oft um 180° oder mehr. Es erzeugt starke geometrische Verzerrungen: Gerade Linien können gebogen erscheinen, und der Raum wirkt ungewöhnlich. Solche Objektive werden für kreative Effekte, Panoramen, Innenräume und Extremsportaufnahmen eingesetzt.

Weitwinkelobjektiv

Ein Weitwinkelobjektiv erfasst einen großen Teil des Raums und eignet sich für Landschaften, Architektur, Innenräume, Reportage und Aufnahmen in engen Räumen. Bei Menschen aus sehr kurzer Entfernung kann es Proportionen deutlich verzerren, daher wird es für klassische Porträts vorsichtig eingesetzt.

Standardobjektiv

Ein Standardobjektiv liefert einen Bildwinkel, der der natürlichen Wahrnehmung der Szene nahekommt. Als klassisches Beispiel gilt ein 50-mm-Objektiv an einer Vollformatkamera. Standardobjektive eignen sich für Alltagsfotografie, Reportage, Porträts und Reisen.

Makroobjektiv

Ein Makroobjektiv ist für Nahaufnahmen kleiner Objekte bestimmt: Insekten, Pflanzen, Gegenstandsdetails, Schmuck und Texturen. Echte Makroobjektive ermöglichen häufig einen Abbildungsmaßstab von 1:1, bei dem das Objekt in natürlicher Größe auf den Sensor projiziert wird.

Teleobjektiv

Ein Teleobjektiv wird für entfernte Motive verwendet: Tiere, Sportereignisse, Konzerte, architektonische Details und Porträts mit starker Hintergrundunschärfe. Solche Objektive haben einen engen Bildwinkel und komprimieren die Perspektive optisch, sodass der sichtbare Abstand zwischen Objekten in unterschiedlichen Ebenen geringer erscheint.

Universalobjektiv

Ein Universalobjektiv deckt einen großen Brennweitenbereich ab, zum Beispiel 24-105 mm, 18-135 mm oder 24-200 mm. Es ist auf Reisen und im Alltag praktisch, wenn das Objektiv nicht häufig gewechselt werden soll. Nachteile können geringere Lichtstärke oder schwächere Bildqualität im Vergleich zu spezialisierten Objektiven sein.

Festbrennweite und Zoomobjektiv

Nach der Konstruktion werden Objektive oft in zwei Typen geteilt:

  • Festbrennweiten besitzen eine einzige Brennweite, zum Beispiel 35 mm, 50 mm oder 85 mm. Sie sind meist lichtstärker, leichter und können eine sehr hohe Bildqualität liefern;
  • Zoomobjektive erlauben die Veränderung der Brennweite, zum Beispiel 24-70 mm oder 70-200 mm. Sie sind bequemer und vielseitiger, bei hoher Lichtstärke aber häufig größer und teurer.

Bildqualität

Die Qualität eines Objektivs lässt sich nicht allein nach Brennweite oder Preis beurteilen. Mehrere Faktoren beeinflussen das fertige Bild:

  • Schärfe — die Fähigkeit, feine Details wiederzugeben;
  • Kontrast — die Unterscheidbarkeit feiner Übergänge zwischen Licht und Schatten;
  • chromatische Aberrationen — farbige Säume an Kanten kontrastreicher Objekte;
  • Verzeichnung — geometrische Verzerrungen, besonders sichtbar in der Architekturfotografie;
  • Vignettierung — Abdunklung der Bildecken;
  • Streulicht und Reflexe — Verhalten bei hellen Lichtquellen im Bild;
  • Bokeh-Charakter — die Wirkung der Hintergrundunschärfe und unscharfer Lichtpunkte.

Viele moderne Kameras und Bildbearbeitungsprogramme können einen Teil optischer Fehler automatisch korrigieren, doch die Qualität der ursprünglichen Optik bleibt wichtig.

Objektivwahl

Die Wahl eines Objektivs hängt von Aufgabe, Budget und Kamera ab. Vor dem Kauf sollte man beachten:

  • Bajonett — das Objektiv muss zur Kamera passen;
  • Sensorgröße — Vollformat, APS-C oder ein anderes Format beeinflussen den Bildwinkel;
  • Brennweite — sie bestimmt, welche Motive bequem aufgenommen werden können;
  • Lichtstärke — wichtig für Innenräume, Abendlicht und Hintergrundunschärfe;
  • Stabilisierung — nützlich für Video, Teleobjektive und Aufnahmen aus der Hand;
  • Gewicht und Größe — besonders wichtig auf Reisen;
  • Autofokus — entscheidend bei Sport, Kindern, Tieren und Video;
  • Preis und Verfügbarkeit — manchmal ist ein einfacheres Objektiv, das häufiger genutzt wird, die bessere Wahl.

Ungefähre Empfehlungen:

Aufgabe Geeignete Objektive
Landschaften und Architektur Weitwinkel- und Ultraweitwinkelobjektive
Porträts 50 mm, 85 mm, 70-200 mm, lichtstarke Festbrennweiten und Zooms
Reisen Universalzooms wie 24-105 mm, 24-200 mm, 18-135 mm
Makrofotografie Makroobjektive mit 60-105 mm und länger
Sport und Tiere Teleobjektive wie 70-200 mm, 100-400 mm, 150-600 mm
Video Objektive mit leisem Autofokus, Stabilisierung und praktischem Brennweitenbereich

Für Einsteiger ist ein Universalzoom oder eine preiswerte lichtstarke Festbrennweite oft nützlicher als ein teures Spezialobjektiv. Mit wachsender Erfahrung wird klarer, welche Brennweiten und Funktionen tatsächlich fehlen.

Häufige Fehler bei der Auswahl

  • Kauf eines Objektivs ohne Prüfung der Kompatibilität mit der Kamera.
  • Orientierung nur am Zoomfaktor, ohne Lichtstärke und Bildqualität zu beachten.
  • Kauf eines zu schweren Objektivs, das ungern mitgenommen wird.
  • Erwartung, dass ein teures Objektiv allein Komposition und Licht verbessert.
  • Ignorieren der Naheinstellgrenze bei Sach- und Detailaufnahmen.
  • Verwendung eines Weitwinkelobjektivs für Porträts aus sehr kurzer Entfernung, wodurch das Gesicht verzerrt werden kann.

Siehe auch

Einzelnachweise